Ultraschall in der Schwangerschaft (ergänzende Untersuchungen)

Das sogenannte Babyfernsehen ist sehr beliebt, aber hat es auch einen medizinischen Nutzen?

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Arztgruppe Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Bereich Schwangerschaft und Geburt
Anlass

Schwangerschaft

Verfahren

diagnostischer Ultraschall

Kosten

Je nach Verfahren 20 bis 200 Euro 

GKV-Leistung

3 Ultraschalluntersuchungen (B-Mode-Verfahren), bei Riskoschwangerschaften oder Verdachtsbefund auch mehr

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Wir bewerten die IGeL „Ergänzende Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft“ mit „unklar“.

Während einer Schwangerschaft kreisen die Gedanken der Eltern häufig um das werdende Kind. Entwickelt es sich gut? Wird es gesund sein? Die Eltern machen sich zum einen Sorgen um das Wohl des Kindes und sie möchten zum anderen möglichst hautnah miterleben, wie es Woche für Woche wächst und gedeiht. Ärztinnen und Ärzte bieten für beide Motive, Sorge wie Neugierde, zusätzliche Ultraschalluntersuchungen an, die umgangssprachlich auch „Baby-Fernsehen“ genannt werden. „Zusätzlich“ deshalb, weil die deutschen Mutterschaftsrichtlinien bereits umfangreiche Untersuchungen und Hilfen für die Eltern vorsehen, die von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Dazu gehören drei Ultraschalluntersuchungen in bestimmten Schwangerschaftswochen. Gibt es Anlass zur Sorge, werden auch zusätzliche Untersuchungen bezahlt. Wer sich jedoch ohne konkreten Anlass nicht bis zu den vorgesehenen Terminen gedulden und „einfach mal gucken“, oder wer ein aufwändigeres Verfahren erhalten möchte, muss diese Ultraschalluntersuchungen als IGeL aus eigener Tasche bezahlen. Je nach Verfahren kostet eine Untersuchung in der Regel zwischen 20 und 200 Euro.

Der Aspekt „Neugierde“ soll hier nicht behandelt werden. In dieser Bewertung geht es um die Frage, ob die zusätzlichen Untersuchungen einen medizinischen Nutzen bringen. Konkret sollen Studien Auskunft darüber geben, ob mit Hilfe dieser IGeL zum Beispiel die Gefahr der Säuglingssterblichkeit reduziert werden kann, ob Fehlbildungen, Wachstumsstörungen oder auch Geburtsrisiken besser erkannt werden können, und ob die elterlichen Bindung an das Kind stärker wird. Außerdem sollen die Studien zeigen, ob man für Mutter und Kind mit Schäden rechnen muss. In den wissenschaftlichen Datenbanken wurden insgesamt zwei Übersichtsarbeiten sowie eine Einzelstudie gefunden, die für die Beantwortung der Fragen herangezogen werden konnten. Ergebnis: Insgesamt betrachtet, fanden die Studien weder ausreichende Hinweise auf einen Nutzen noch auf einen Schaden.

Erstellt am: 12.07.2016
Letzte Aktualisierung:

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IGeL

Um Frauen während ihrer Schwangerschaft ärztlich zu begleiten, wird eine Reihe von Untersuchungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Dazu zählen auch drei Ultraschalluntersuchungen, die dazu dienen, mögliche Komplikationen in der Entwicklung des Kindes frühzeitig zu entdecken. Frauenärztinnen und -ärzte bieten darüber hinaus Ultraschalluntersuchungen zwischen den festgelegten Terminen oder mit aufwändigeren Verfahren als IGeL an. Der Begriff „Baby-Fernsehen“, der sich umgangssprachlich für diese weiteren Untersuchungen eingebürgert hat, deutet an, dass Eltern das heranwachsende Kind zum einen neugierig beobachten, und zum anderen sehen wollen, ob „alles in Ordnung“ ist. Das „Baby-Fernsehen“ ist sehr beliebt: Wie eine aktuelle Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung zeigt, nehmen vier von fünf Frauen das IGeL-Angebot an. Je nach Verfahren und Steigerungssatz kosten diese IGeL zwischen 20 und 200 Euro.

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Gesundheitsproblem

Von gut 700.000 Kindern, die im Jahr 2014 in Deutschland geboren wurden, starben mehr als 2000 im ersten Jahr nach der Geburt. Häufige Gründe dafür waren zum Beispiel angeborene Fehlbildungen, Störungen des fetalen Wachstums und der Schwangerschaftsdauer sowie Komplikationen während der Schwangerschaft. Um solche für Mutter und Kind potenziell gefährlichen Umstände möglichst früh erkennen und eventuell darauf reagieren zu können, ist der Ultraschall eines der wichtigsten Verfahren.

Die deutschen Mutterschaftsrichtlinien zählen im internationalen Vergleich zu den umfangreichsten Leistungskatalogen. Kaum ein anderes Land bietet Frauen neben etlichen anderen Leistungen gleich drei Ultraschall-Termine an: Die Untersuchung zwischen der 9. und 12. Schwangerschaftswoche soll die Schwangerschaft primär bestätigen und klären, ob eventuell zwei oder sogar noch mehr Kinder unterwegs sind. In der zweiten Untersuchung zwischen der 19. und 22. Woche werden Kopf, Bauch und Oberschenkelknochen des Kindes vermessen und die Lage der Plazenta bestimmt. Zusätzlich kann analysiert werden, ob Kopf und Hirnkammern normal geformt sind, und ob sich das Herz gut entwickelt hat. Mit der letzten Untersuchung zwischen der 29. und 32. Woche werden erneut Kopf, Bauch und Oberschenkelknochen vermessen, die Lage des Kindes bestimmt und sein Herzschlag kontrolliert. Sollte eine der Untersuchungen ergeben, dass etwas nicht regulär verläuft, sind noch weitere Untersuchungen Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen.

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Methode

Ultraschall ist seit seinen Anfängen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die moderne Medizin in fast allen Bereichen unverzichtbar geworden. Da Gewebe im Körper Ultraschall unterschiedlich reflektieren, können Strukturen im Körperinneren mit Hilfe dieses Echos dargestellt werden, neuerdings auch in 3D. Das Verfahren ist schnell, einfach, nebenwirkungsarm, strahlungsfrei und kostengünstig. Ultraschall dient bei verschiedenen Beschwerden zu einer ersten schnellen Orientierung, als zusätzliche Diagnosemethode, zur räumlichen Kontrolle bei Gewebeentnahmen und zur Nachsorge. Wie treffsicher mit einer Ultraschalluntersuchung fragliche Strukturen erkannt werden können, hängt zum einen von der Art des Verfahrens und seinen Limitierungen ab, zum anderen ganz wesentlich von der Qualität des Untersuchers.

In der Schwangerschaft kommen verschiedene Ultraschallverfahren zum Einsatz. Die Mutterschaftsrichtlinien sehen ein so genanntes B-Mode-Verfahren (Brightness-Mode) vor, das zweidimensionale, also flächige Bilder liefert. Es wird im Folgenden als „einfache“ Ultraschalluntersuchung bezeichnet. Ergeben diese Untersuchungen den Verdacht auf Unregelmäßigkeiten, können auch technisch aufwändigere Verfahren Kassenleistung sein, wie die so genannten Doppler- und Duplex-Verfahren.

Bieten Ärztinnen und Ärzte zusätzlichen Ultraschall als IGeL an, geht es um „mehr“ und/oder „aufwändigere“ Untersuchungen. „Mehr“ bedeutet zusätzliche Termine, mit „aufwändiger“ sind Doppler-, Duplex-, 3D-, oder 4D-Verfahren gemeint. Mit der Doppler-Sonographie kann der Blutfluss hörbar gemacht werden, kombiniert man ihn im Duplex-Verfahren mit dem normalen Ultraschall, kann man den Blutfluss auch sehen. Die 3D-Darstellung erzeugt ein dreidimensionales, also räumliches Bild, und bei der 4D-Darstellung ändert sich dieses Bild nahezu in Echtzeit. Dass diese Verfahren technisch anspruchsvoller sind, heißt jedoch nicht automatisch, dass sie dem Arzt Informationen liefern, die einen zusätzlichen Nutzen für Kind und Mutter bedeuten.

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Empfehlungen anderer

Nur eine ärztliche Leitlinie in Deutschland beschäftigt sich mit dem ergänzenden Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft: Die S1-Leitlinie „Dopplersonographie in der Schwangerschaft“ sieht keinen Nutzen darin, die Adern des Fötus zu schallen, wenn es ansonsten keinen Grund zur Beunruhigung gibt. Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass die Untersuchung der Gebärmutter-Blutgefäße einen Nutzen haben könnte. Die Leitlinie sieht keine Hinweise auf eine Schädigung des Fötus durch den Ultraschall.

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Bewertung

Nutzen

Die „ergänzende Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft“ wäre nützlich, wenn dank der Untersuchung weniger Babys sterben würden, weniger Babys nach der Geburt intensiv behandelt werden müssten, weniger Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht auf die Welt kämen und es weniger Geburtsrisiken gäbe. Unter ergänzenden Untersuchungen sind Leistungen zu verstehen, die hinsichtlich Häufigkeit und/oder Aufwand über die Leistungen der Mutterschaftsrichtlinie hinausgehen.

Es wurden insgesamt zwei Übersichtsarbeiten sowie eine Einzelstudie ausgewertet. Eine sehr aktuelle Übersichtsarbeit von 2015 fragte anhand mehrerer Einzelstudien mit insgesamt über 14.000 Schwangeren nach dem Nutzen von Doppler-Ultraschall der Föten und der Nabelschnur im Vergleich zu keinem Doppler-Ultraschall. Es zeigten sich nur vereinzelt Vorteile für den Doppler-Ultraschall. Dieses Ergebnis wurde jedoch nicht durchgängig beobachtet, so dass die Hinweise auf einen Nutzen insgesamt als nicht ausreichend angesehen werden.

Die zweite Übersichtsarbeit von 2009 verglich Doppler-Ultraschall mit einfachem Ultraschall sowie einfache Ultraschall-Untersuchungen mit weniger beziehungsweise keinen Ultraschall-Untersuchungen. Es zeigte sich in einer der analysierten Studien ein leichter Vorteil von mehr als drei einfachen Untersuchungen bei dem Parameter Tod des Neugeborenen. Allerdings ließ sich dieser Effekt in anderen Studien nicht wiederholen. Für alle anderen Parameter zeigten sich keine Vorteile.

Die Einzelstudie von 2005 verglich einfachen Ultraschall mit einfachem plus 4D-Ultraschall. Es ging dabei vor allem um die Frage, ob sich die Mutter damit insgesamt besser fühlt und eine stärkere Bindung zu dem ungeborenen Kind entwickelt. Die Studie erbrachte keinen Vorteil für die 4D-Untersuchung.

Für alle anderen Fragestellungen fanden sich keine Studien, weshalb dazu auch keine Aussagen gemacht werden können.

Insgesamt waren die Hinweise auf einen Nutzen zu schwach und zu uneinheitlich, um als ausreichend angesehen werden zu können. 

Schaden

Die „ergänzende Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft“ wäre schädlich, wenn sie sich direkt oder indirekt negativ auf die Gesundheit und die Lebensqualität von Mutter und Fötus beziehungsweise Neugeborenen auswirken würden.

Die Übersichtsarbeiten und die Einzelstudie fanden keine Hinweise auf einen direkten Schaden. Ultraschall in der bei Untersuchungen üblichen Schallstärke gilt generell als ungefährlich.

Indirekte Schäden, etwa durch unnötige Behandlungen der Mutter und des Fötus im Mutterleib bis hin zu gewollten oder ungewollten Abtreibungen aufgrund falscher Diagnosen, sind denkbar, wurden aber nicht untersucht.

Insgesamt sehen wir deshalb keine Hinweise auf Schäden.

Fazit

Die „ergänzende Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft“ bewerten wir als „unklar“. Es fanden sich zwei Übersichtsarbeiten sowie eine Einzelstudie, die die vielen Kombinationsmöglichkeiten aus Untersuchungsverfahren und Nutzenaspekten jedoch nur teilweise untersuchen konnten. Für viele denkbare Konstellationen können deshalb keine Aussagen getroffen werden. Zumindest für den Doppler-Ultraschall sowie für mehr als drei einfache Ultraschalluntersuchungen lässt sich aussagen, dass sich keine ausreichenden Hinweise auf einen Nutzen zeigen. Auch für Schäden fanden sich keine Hinweise.

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Erstellt am: 12.07.2016
Letzte Aktualisierung:

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Ultraschall in der Schwangerschaft (ergänzende Untersuchungen)

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Allgemeine Informationen zu dieser IGeL

  • Die Mutterschaftsrichtlinien sehen drei Ultraschalluntersuchungen während einer Schwangerschaft vor, bei Problemen auch mehr.
  • Ohne medizinischen Anlass sind weitere Untersuchungen eine IGeL.
  • Kosten: zwischen etwa 20 und 200 Euro je nach Verfahren.
  • Das zahlen die Krankenkassen (GKV): drei Ultraschalluntersuchungen, Beratungen, Behandlungen, Hebammenhilfe, Geburtsvorbereitungskurse.

Was sagt der IGeL-Monitor über den Nutzen?

  • Ergänzende Ultraschalluntersuchungen sollen Probleme für Mutter und Kind frühzeitig erkennen und die Bindung an das Kind stärken.
  • Leicht positive Ergebnisse einzelner Studien sind nicht reproduzierbar.
  • Insgesamt konnten die Studien keine überzeugenden Hinweise für einen Nutzen finden.

Was sagt der IGeL-Monitor über den Schaden?

  • Die Schallstöße bei Ultraschalluntersuchungen sind harmlos.
  • Auch die Studien fanden keine Hinweise auf mögliche Schäden.

Was meint der IGeL-Monitor?

  • Unsere Bewertung lautet „unklar“. Es gibt insgesamt weder überzeugende Hinweise auf einen Nutzen noch auf einen Schaden.

Woher weiß der IGeL-Monitor das?

  • Analyse der internationalen Forschungsergebnisse durch das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors.
  • Quellen: zwei Übersichtsarbeiten (Alfirevic et al. 2015; Torloni et al. 2009), eine Einzelstudie (Rustico et al. 2005).
  • Detaillierte Informationen zur Analyse unter www.igel-monitor.de.

Was ist der IGeL-Monitor?

  • Der IGeL-Monior analysiert Nutzen und Schaden von IGeL (auch „Selbstzahlerleistungen“), damit Versicherte sich informieren können.
  • Träger: MDS (Medizinischer Dienst des GKV-Spitzenverbandes)

Erstellt am: 12.07.2016
Letzte Aktualisierung:

positiv: Unserer Ansicht nach wiegt der Nutzen der IGeL deutlich schwerer als ihr Schaden

tendenziell positiv: Unserer Ansicht nach wiegt der Nutzen der IGeL geringfügig schwerer als ihr Schaden

unklar: Unserer Ansicht nach sind Nutzen und Schaden der IGeL ausgewogen, oder wir finden keine ausreichenden Daten, um Nutzen und Schaden zu beurteilen

tendenziell negativ: Unserer Ansicht nach wiegt der Schaden der IGeL geringfügig schwerer als ihr Nutzen

negativ: Unserer Ansicht nach wiegt der Schaden der IGeL deutlich schwerer als ihr Nutzen

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