Vor jeder Entscheidung, die man trifft, wägt man die Konsequenzen, also die Vor- und Nachteile dieser Entscheidung ab – egal, ob es sich um den Kauf eines Joghurts oder einer neuen Wohnung handelt. Manchmal läuft die Abwägung eher intuitiv und in Bruchteilen einer Sekunde ab, manchmal geht ihr eine gründliche Analyse voraus. Das Abwägen der Vor- und Nachteile sollte auch für medizinische Entscheidungen gelten. Denn: Grundsätzlich kann jede medizinische Maßnahme nicht nur erwünschte, sondern auch unerwünschte Wirkungen haben, also schaden. Deshalb ist es sinnvoll, jede medizinische Leistung daraufhin zu überprüfen, welche Aussichten auf Nutzen, aber auch daraufhin, welche Aussichten auf Schaden mit ihr verbunden sind. Dazu benötigt man Informationen darüber, welche Art von Nutzen und Schaden es gibt, wie groß Nutzen und Schaden ausfallen und wie sicher die Belege dafür sind. Diese Informationen möchte Ihnen der IGeL-Monitor mit seinen Bewertungen geben.
Viele Ärzte bieten IGeL mit dem Argument an, dass sie damit gute Erfahrungen gemacht haben. Man weiß heute jedoch, dass solche Beobachtungen so gut wie keine Aussagekraft haben. Und zwar aus folgenden Gründen:
Die Bewertung jeder einzelnen IGeL läuft nach einem festgelegten Prozess ab: Zunächst suchen wir nach wissenschaftlichen Arbeiten, aus denen Aussagen zum Nutzen und Schaden einer als IGeL angebotenen Maßnahme getroffen werden können. Dann werden die Ergebnisse dieser Arbeiten analysiert und Nutzen und Schaden einer IGeL formuliert. Zu unserer abschließenden Bewertung gelangen wir, indem wir diese beiden Größen gegeneinander abwägen. Bitte bedenken Sie: Wirklich objektive Bewertungen gibt es nicht, da das Abwägen von Nutzen und Schaden auch auf Werturteilen beruht. Es kann also sein, dass Sie persönlich zu einem anderen Fazit kommen.
Die Informationen, die Sie in der Rubrik „IGeL A-Z“ finden, sollen Ihnen helfen, die einzelnen IGeL besser zu verstehen und eine informierte Entscheidung für oder gegen eine IGeL treffen zu können. Wir verlassen uns bei den Erläuterungen und Bewertungen nicht auf die Meinung einzelner Fachleute, sondern recherchieren nach einer festgelegten Methodik. Die wichtigsten Fragen sind: Welche medizinischen und technischen Informationen sind für Ihr Verständnis der IGeL nötig und wie lassen sich Nutzen und Schaden der einzelnen IGeL bewerten?
Sie sollten dabei bedenken, dass die persönliche Bewertung medizinischer Maßnahmen immer von mehreren Faktoren abhängt: Zum einen von objektiven, allgemeinen Größen, wie etwa der Frage, ob eine Früherkennungsuntersuchung das Leben der Untersuchten im Durchschnitt verlängern kann. Zum zweiten spielen objektive, individuelle Faktoren eine Rolle, wie etwa persönliche Risikofaktoren, die es auch wahrscheinlicher machen, dass man von einer Früherkennungsuntersuchung profitiert. Und zum dritten sind immer auch subjektive, individuelle Aspekte zu berücksichtigen, wie Angst vor einer Untersuchung oder Angst vor einer Krankheit. Alle drei Bereiche sollten bei der persönlichen Entscheidung für oder gegen eine Maßnahme bedacht werden. Die Bewertungen des IGeL-Monitors beschränken sich auf die Frage, was sich über die objektiven, allgemeinen Faktoren aussagen lässt, wie groß also der rein medizinische Nutzen beziehungsweise Schaden einer Maßnahme für eine Gruppe von Menschen durchschnittlich ist.
Als Quellen für die medizinischen und technischen Informationen haben wir vor allem auf Leitlinien von Ärzten und Fachgesellschaften, auf Standardwerke der Medizin und auf Herstellerangaben zurückgegriffen.
Für die Bewertung von Nutzen und Schaden jeder medizinischen Maßnahme bedarf es der wissenschaftlichen Untersuchung in klinischen Studien an Patienten. Daher stellt immer die Evidenz (das Wissen) aus diesen Studien den Ausgangspunkt unserer IGeL-Bewertung dar.
Zusätzlich prüfen wir mittels einer „Update-Recherche“ in der Datenbank Medline in PubMed, ob seit der Erstellung der von uns zu Grunde gelegten Übersichtsarbeiten neue Studien publiziert worden sind, die von den Machern der Übersichtsarbeiten noch nicht berücksichtigt werden konnte.
Für jede IGeL legen wir Suchbegriffe fest, mit denen wir nach Reviews recherchieren. Die Recherchestrategie ist in der Datei „Evidenz ausführlich“ und in älteren Bewertungen in der Datei „Ergebnisbericht“ am Ende jeder IGeL dokumentiert. Alle in die Bewertung eingeschlossenen Übersichtsarbeiten und, wenn vorhanden, Primärstudien werden einer Qualitätsbewertung unterzogen und die Ergebnisse dargestellt. Außerdem stellen wir in dem Bericht alle relevanten Studienergebnisse, die in den Übersichtsarbeiten zum Nutzen und zu möglichen Schäden der IGeL gefunden worden sind, in einer tabellarischen Übersicht dar. Darüber hinaus wird der Erkenntnisstand zu Nutzen und Schaden zusammengefasst und unsere Bewertung der IGeL abgeleitet. Für jede IGeL sind die Evidenzdokumente frei zugänglich, so dass Fachleute und interessierte Laien nachvollziehen können, wie wir zu der Bewertung der IGeL kommen.
Für die Bewertung von Nutzen und Schaden jeder medizinischen Maßnahme eignen sich klinische Studien an Patienten, die die Grundlage unserer IGeL-Bewertung darstellen. Doch auch bei wissenschaftlichen Studien gibt es große Unterschiede im Hinblick darauf, wie aussagekräftig sie sind. Es gibt verschiedene Kriterien, anhand derer Wissenschaftler die Qualität einer guten Studie beurteilen und die man bei der Ermittlung von Nutzen und Schaden einer IGeL berücksichtigen muss. Dieses Vorgehen entspricht den Prinzipien der Evidenzbasierten Medizin (EbM). Kurz gesagt bedeuten die Prinzipien der EbM, dass medizinisches Handeln immer auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten zu begründen ist.
Bei der Bewertung des Nutzens einer IGeL berücksichtigen wir zwei Aspekte:
Eine IGeL kann, wie jede medizinische Maßnahme, direkt oder indirekt schaden. Ein direkter Schaden entsteht unmittelbar durch die Methode. Bei einem Bluttest beispielsweise ist der direkte Schaden sehr gering: Es piekst ein bisschen und selten kann sich die Stelle entzünden. Ein indirekter Schaden entsteht dagegen durch die Folgen, die eine IGeL haben kann, etwa wenn durch einen Diagnosetest eine Krankheit festgestellt und behandelt wird, die niemals zu einem Problem geworden wäre. Indirekte Schäden verdienen aus drei Gründen besondere Aufmerksamkeit: Sie sind leicht zu übersehen, sie werden selten thematisiert, und sie können wesentlich gravierender sein als direkte Schäden.
Wie auch beim Nutzen unterscheiden wir beim Schaden zwei Aspekte:
Sowohl bei der Bewertung des Nutzens als auch des Schadens definieren wir keine genauen Grenzen, versuchen aber, transparent zu argumentieren. So können Sie selbst überprüfen, ob unsere Einschätzung Ihren Wertvorstellungen entspricht.
Leider gibt es über den Nutzen und Schaden vieler IGeL keine aussagekräftigen Studien. Das kann verschiedene Gründe haben:
Um dieses Problem zu umgehen, kann man auf Parameter ausweichen, die zumindest Hinweise auf das eigentliche Ergebnis geben. Statt beispielsweise zu ermitteln, ob sich Herzinfarkte durch eine Vorsorgemaßnahme verhindern lassen, misst man einen Blutwert, der ein erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt anzeigt.
Nutzen und Schaden einer Maßnahme lassen sich nur dann objektiv gegeneinander abwägen, wenn sie dieselben Kategorien betreffen, wenn also zum Beispiel eine Maßnahme Leben retten, aber auch zum Tod führen kann. So hat beispielsweise die Gurtpflicht im Auto viele Leben gerettet, aber sicher auch einige Todesfälle durch Strangulieren oder Ertrinken verursacht. Unter dem Strich ist die Bilanz jedoch eindeutig positiv. Bei den meisten Maßnahmen aber betreffen Nutzen und Schaden nicht dieselben Kategorien. Bei einer Krebsfrüherkennungs-Untersuchung etwa steht der seltene Fall eines Lebensgewinns einem häufigen Verlust an Lebensqualität gegenüber. Nutzen und Schaden gegeneinander abzuwägen bedeutet also, nach subjektiven Wertvorstellungen zu entscheiden.
Unsere Aufgabe sehen wir primär darin, jeweils Nutzen und Schaden einer IGeL auf der Grundlage einer systematischen Auswertung der wissenschaftlichen Literatur zu ermitteln. Um Sie jedoch auch bei der eigentlichen Entscheidungsfindung, ob Sie eine IGeL wahrnehmen möchten, zu unterstützen, wägen wir Nutzen und Schaden gegeneinander ab und bewerten die einzelnen IGeL in fünf Abstufungen von „negativ“ bis „positiv“. In diese Bewertungen fließen auch unsere subjektiven „Wertmaßstäbe“ ein.
Die Gesamtbewertung bedeutet im Einzelnen:
Zu den am häufigsten angebotenen IGeL gehören sogenannte Vorsorge- oder Früherkennungs-Untersuchungen. Dass „vorsorgen besser als heilen“ ist, haben wohl die meisten Menschen als Maxime verinnerlicht. Und medizinische Untersuchungen scheinen den Merksatz uneingeschränkt zu bestätigen, da sie beinahe immer mit positiven Erlebnissen verbunden sind: Ergibt die Untersuchung keinen auffälligen Befund, sind Arzt und Patient erleichtert, dass alles in Ordnung ist. Ergibt sie dagegen einen auffälligen Befund, sind sie erleichtert, dass die Krankheit früh erkannt wurde und „rechtzeitig“ behandelt werden kann. Und selbst wenn sich ein auffälliger Befund in weiteren Untersuchungen als Fehlalarm herausstellt und sich die Patienten unnötig Sorgen gemacht haben, sind die meisten Patienten am Ende sogar besonders erleichtert, weil sie doch nicht krank sind. Der tatsächliche Nutzen solcher Untersuchungen bemisst sich jedoch nicht an diesen „positiven Erlebnissen“, sondern daran, ob die Tests wirklich Krankheiten und Todesfälle verhindern können. Ob es einen solchen Nutzen gibt und wie groß er ist, lässt sich keinesfalls aus Einzelbeispielen ableiten, sondern nur in aussagekräftigen Studien ermitteln. Oft gelingt es solchen Studien nicht, überhaupt einen Nutzen nachzuweisen. Im Gegenteil: Sie zeigen vielmehr, wie groß die möglichen Schäden sind.
Die möglichen Schäden von Vorsorge- und Früherkennungs-Untersuchungen betreffen verschiedene Ebenen.