Die aktuelle Diskussion um den PSA-Test

Essen, 25. November 2016

Ein Leserbrief an eine US-amerikanische Fachzeitschrift schlägt derzeit in deutschen Medien hohe Wellen: Eine Studie, die dem PSA-Test keinen Nutzen bescheinigt hatte, soll wertlos sein. Was ist dran?

Derzeit wird in den Medien der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs diskutiert. Auslöser für die Diskussionen war ein Leserbrief an das New England Journal of Medicine im Mai dieses Jahres. In dem Brief beklagten drei Ärzte, dass der PSA-Test zu Unrecht in Verruf geraten sei. Ihre Begründung: Eine große klinische Studie, die dem PSA-Test einen Nutzen abgesprochen hatte, sei wegen ihrer schweren methodischen Mängel wertlos. Da der PSA-Test von den Männern aus eigener Tasche bezahlt werden muss, hat auch der IGeL-Monitor den PSA-Test bewertet.

Im Folgenden möchten wir darlegen, was es mit den Vorwürfen auf sich hat, und wie der IGeL-Monitor zu den Vorwürfen steht.

Worum geht es?

Um herauszubekommen, ob der PSA-Test Männer davor bewahren kann, an Prostatakrebs zu sterben, wurden mehrere große Studien mit vielen tausend Männern durchgeführt. Dabei sollte das Überleben von Männern mit PSA-Test mit Männern ohne PSA-Test verglichen werden. Eine der großen Studien ist die PLCO-Studie aus den USA, die Verfahren zur Früherkennung von Prostata-, Lungen-, Darm- und Eierstockkrebs untersucht. Ergebnisse zum PSA-Test wurden 2009 und 2012 veröffentlicht: Mit und ohne PSA-Test starben gleich viele Männer an Prostatakrebs, ein Nutzen des PSA-Tests war also nicht erkennbar.

Warum wird die PLCO-Studie kritisiert?

Im Verlauf der Studie zeigte sich, dass sie ein großes Problem hatte: Die Männer hielten sich oft nicht an die Vorgaben, so dass Männer der Kontrollgruppe aus unterschiedlichen Gründen sehr wohl PSA-Tests machen ließen. Dieser missliche Umstand, den man als „Verunreinigung“ oder „Kontamination“ von Studiengruppen bezeichnet, stellte den Wert der Studie in Frage. Das diskutierten die Autoren auch in der Veröffentlichung von 2009: "Das Ausmaß des Screenings in der Kontrollgruppe könnte ausreichend gewesen sein, um leichte Effekte des jährlichen Screenings in der Screeninggruppe zu verwässern." Die Autoren wiesen aber auch darauf hin, dass in der Screeninggruppe zu jeder Zeit mehr PSA-Tests gemacht wurden als in der Kontrollgruppe. Schließlich traten in der Screeninggruppe deutlich mehr Fälle von Prostatakrebs auf – höchstwahrscheinlich wurden mehr Tumore entdeckt, eben weil mehr Männer mit dem PSA-Test danach suchen ließen.

Ist die Kritik berechtigt?

Einerseits ja, denn eine starke Verunreinigung von Studiengruppen schwächt grundsätzlich den Wert einer Studie. Die Frage ist aber, ob eine Studie dadurch völlig wertlos wird und jede Aussagekraft verliert, wie manche behaupten, oder ob die Aussagekraft nur nicht mehr so stark ist. In der Fachwelt wird die PLCO-Studie jedenfalls keineswegs rundweg abgelehnt. So beziehen die Übersichtsarbeiten, die den Nutzen des PSA-Tests für die Früherkennung zu ergründen suchen, die jetzt kritisierte PLCO-Studie einhellig in ihre Analysen mit ein. Auch eine ärztliche Prostatakrebs-Leitlinie der höchsten Qualitätsstufe berücksichtigt die Ergebnisse der PLCO-Studie.

Nicht berechtigt ist die Kritik jedoch, wenn den Autoren der PLCO-Studie Schlamperei, oder gar vorsätzlicher Betrug vorgeworfen wird. Schließlich wiesen die Autoren von Anfang an auf die Probleme hin. In der Veröffentlichung von 2012 sprechen sie sogar davon, dass sie das organisierte PSA-Screening nicht mit einer Kontrollgruppe ohne PSA-Test, sondern mit einem "opportunistischen Screening" vergleichen, in dem die Männer sich also gemäß dem persönlichen Rat ihres Urologen testen lassen.

Wie bewertet der IGeL-Monitor die Qualität der PLCO-Studie?

Die Wissenschaftler des IGeL-Monitors waren sich der Probleme der PLCO-Studie bei ihrer Erstbewertung des PSA-Tests im Januar 2012 bewusst. Sie schlossen die Studie dennoch mit ein. Zusammen mit einer weiteren großen Studie, der ERSPC-Studie aus Europa, sahen sie insgesamt "Hinweise", aber keine "Belege" für einen Nutzen. Dieses Ergebnis bestätigte sich bei einer Aktualisierung im Juli 2013.

Warum bewertet der IGeL-Monitor den PSA-Test mit "tendenziell negativ"?

Obwohl die Wissenschaftler des IGeL-Monitors Hinweise auf einen Nutzen sehen, fallen die möglichen Schäden noch stärker ins Gewicht. Denn hier sehen die Wissenschaftler "Belege" für Schäden. Die genaue Begründung findet sich in unserer Bewertung des PSA-Tests im IGeL-Monitor . Derzeit wird der PSA-Test – nicht nur aufgrund der öffentlichen Diskussion, sondern auch aufgrund neuer Studiendaten – im IGeL-Monitor erneut aktualisiert, und damit früher als turnusmäßig vorgesehen.

Pressekontakt:
IGeL-Monitor
Dr. Christian Weymayr
Tel.: 01577 681106
E-Mail: c.weymayr@igel-monitor.de

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