Ärzteschaft

Welche Rolle spielt die Ärzteschaft im IGeL-Markt?

Viele Praxen bieten IGeL an. Nach einer Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) aus dem Jahr 2015 entfallen 30,1 Prozent aller IGeL-Angebote auf die Frauenheilkunde, 20,5 Prozent auf die Augenheilkunde und 19,1 Prozent auf die Allgemeinmedizin. Danach folgen Chirurgie/Orthopädie, Haut- und Geschlechtskrankheiten, Urologie und Innere Medizin. Berücksichtigt man jedoch die Anzahl der Praxen pro Fachgruppe, ergibt sich ein etwas anderes Bild: Praxen der Augenheilkunde bieten demnach im Durchschnitt mehr als siebenmal so oft IGeL an wie die der Allgemeinmedizin. Während im Jahr 2005 noch 15,9 Millionen IGeL angeboten wurden, waren es im Jahr 2014 bereits 24,1 Millionen mit einem Gesamtvolumen von rund einer Milliarden Euro.

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Welche Interessen verfolgt die Ärzteschaft?

Ärztinnen und Ärzte bieten IGeL an, weil sie die Leistungen für sinnvoll halten, weil sie die Wünsche ihrer Patienten nach besonderen Leistungen erfüllen möchten, weil sie ihrer Praxis damit ein besonderes Profil geben wollen und weil sie damit Geld verdienen können. Manchmal trifft vielleicht nur einer der Gründe zu, manchmal alle vier.

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Welche IGeL werden besonders häufig angeboten?

Laut IGeL-Report 2018 sind die Top-10 im IGeL-Markt allesamt Vorsorgeuntersuchung. Die häufigste IGeL ist die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung, die häufigste Frauen-IGeL ist der Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung.

Viele IGeL gehören zu den Verfahren der Alternativmedizin, die dem Bedürfnis vieler Menschen nach „ganzheitlicher“ Behandlung und Spiritualität entgegenkommen.

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Warum werden diese Verfahren nicht von den Kassen bezahlt?

Das Sozialgesetzbuch V schreibt vor, dass Versicherte einen Anspruch auf notwendige Behandlungen und andere definierte Leistungen haben. Mit wenigen Ausnahmen – wie beispielsweise Reiseimpfungen, die per Gesetz nicht zum Leistungsumfang der Kassen gehören – gelten IGeL jedoch nicht als notwendig.

Auch wenn eine Ärztin oder ein Arzt eine IGeL aufgrund „guter Erfahrungen“ anbietet, heißt das noch lange nicht, dass die Leistung nützlich oder gar notwendig ist. Denn bessert sich die Krankheit, beweist das nicht, dass die Behandlung die Ursache für die Besserung war. In den wohl meisten Fällen wäre die Krankheit auch ohne ärztliches Zutun wieder verschwunden. Auch bei Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen kann aus der individuellen Erfahrung heraus nicht beurteilt werden, wie groß Nutzen und Schaden der Untersuchung sind.

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Wie stehen die Ärzteorganisationen zu IGeL?

Meist stehen die Fachgesellschaften als oberste medizinische Autorität dem IGeL-Geschäft skeptisch bis ablehnend gegenüber, was etwa in medizinischen Leitlinien deutlich wird, deren Empfehlungen weitgehend mit den Bewertungen des IGeL-Monitors übereinstimmen. Ärztliche Berufsverbände vertreten dagegen primär die Interessen ihrer Mitglieder, also auch deren wirtschaftliche Interessen.

Im Jahr 2006 hat sich der 109. Deutsche Ärztetag eingehend mit dem Thema IGeL befasst. Laut Beschlussprotokoll sind IGeL aus Sicht des Ärztetages „erforderliche Leistungen, die von der GKV nicht gezahlt werden, ärztlich empfehlenswerte Leistungen außerhalb des GKV-Systems und von Patientinnen und Patienten initiativ gewünschte, ärztlich vertretbare Leistungen“.

Welche Leistungen nicht mehr vertretbar sind, liegt allein im Ermessen einer Ärztin oder eines Arztes, denn eine Negativliste, wie sie ein Jahr zuvor auf dem 108. Deutschen Ärztetag noch gefordert wurde, kam nicht zustande. Für die Praxis ergibt sich daraus folgende Situation: Auch wenn es fachlich wünschenswert wäre, dass sich der IGeL-Markt an den Leitlinien der Fachgesellschaften orientiert und deshalb die meisten IGeL nicht angeboten werden, ist es nach den Empfehlungen des Ärztetages legitim, auch IGeL anzubieten, die zumindest vertretbar sind. Was nicht mehr vertretbar erscheint, ist Ansichtssache.

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Bieten alle Praxen IGeL an?

Die Einstellung zu IGeL ist ganz unterschiedlich. Während manche Ärztinnen und Ärzte so intensiv igeln, dass auch die Ärzteverbände von "schwarzen Schafen" sprechen, spielen IGeL für andere wohl nur eine untergeordnete Rolle. Sie bieten einige wenige IGeL an, bewerben sie aber nicht aktiv. Manche betonen auf ihren Homepages sogar explizit, dass sie grundsätzlich keine IGeL anbieten. Ganz ohne Selbstzahlerleistungen kommen jedoch auch diese Ärztinnen und Ärzte nicht aus: Reiseimpfungen, Atteste und andere Leistungen, die nachgefragt werden, aber keine Kassenleistung sein dürfen, werden auch von ihnen erbracht.

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Wie werden IGeL angeboten?

Mittlerweile hat sich eine eigene Branche etabliert, die Praxen beim Anbieten von IGeL unterstützt. Die Spanne reicht von Consulting-Agenturen über Wartezimmer-TV bis hin zu Marketingkursen im Medizinstudium. Wenn für IGeL geworben werden soll, bieten sich dafür der Internetauftritt der Praxis sowie die Praxis selbst an. Informationen haben dabei oft eher werbenden Charakter, sie dienen weniger dazu, ausgewogen über die Vor- und Nachteile der IGeL aufzuklären. Das kann auch mit einem Herabwürdigen der entsprechenden Kassenleistungen einhergehen, wenn etwa Pappaufsteller, Plakate und Handzettel in der Praxis darauf hinweisen, dass die IGeL mehr kann als die Kassenleistung. Besonders einfach machen es sich Praxen, die Flyer und Broschüren der Hersteller auslegen und verteilen.

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