Hyperbare Sauerstofftherapie beim Hörsturz

Hilft reiner Sauerstoff, der in die Lungen von Hörsturz-Patienten gepresst wird?

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Arztgruppe Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
Bereich Gehör
Anlass

Hörverlust

Verfahren

Überdruckbehandlung mit reinem Sauerstoff

Kosten

Behandlung (in der Regel 10 bis 15 Sitzungen), jeweils zwischen 200 bis 250 Euro

GKV-Leistung

Untersuchungen zur Abklärung eines Hörverlustes; Therapien mit anerkannten Methoden bei behandelbaren Ursachen eines Hörverlustes, also nicht beim Hörsturz

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Wir bewerten die IGeL Hyperbare Sauerstofftherapie beim Hörsturz mit „tendenziell negativ“.

Bei der Hyperbaren Sauerstofftherapie wird reiner Sauerstoff in die Lungen der Patienten gepresst. So löst sich mehr Sauerstoff im Blut als üblich. Dem Verständnis der Therapie nach sollen damit diverse Krankheiten und Verletzungen günstig beeinflusst oder gar geheilt werden. Eine dieser Krankheiten ist der Hörsturz, bei dem ein Patient plötzlich auf einem Ohr nicht mehr gut hört, dafür aber oft einen Dauerton wahrnimmt. Die noch sehr rätselhafte Krankheit heilt vermutlich in der Mehrzahl der Fälle nach einiger Zeit ohne äußeres Zutun. Die aufwändige und daher teure Hyperbare Sauerstofftherapie ist im ambulanten Bereich keine Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkasse, sondern immer eine IGeL.

Aus den uns vorliegenden, wenig aussagekräftigen Studien lässt sich nicht erkennen, dass die Hyperbare Sauerstofftherapie den Hörsturz heilen kann oder ihn auch nur günstig beeinflusst. Dagegen berichten Patienten vereinzelt über unangenehme Nebenwirkungen.

Erstellt am: 07.03.2012
Letzte Aktualisierung:

Bild: Toms93/Thinkstock

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Untersuchungen zur Abklärung eines Hörverlustes; Therapien mit anerkannten Methoden bei behandelbaren Ursachen eines Hörverlustes, also nicht beim Hörsturz

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IGeL

Bei der Hyperbaren Sauerstofftherapie atmet der Patient reinen Sauerstoff unter hohem Druck ein, wodurch sich der Sauerstoff in höherer Konzentration als unter Normalbedingungen im Blut löst. Das soll diverse Krankheiten lindern oder heilen, wie etwa den Hörsturz. Die Untersuchungen zur Diagnose des Hörsturzes sind eine Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkasse. Eine Hyperbare Sauerstofftherapie ist im ambulanten Bereich immer eine IGeL. Für eine Behandlung des Hörsturzes werden 10 bis 15 Sitzungen veranschlagt, die in der Regel jeweils 200 bis 250 Euro kosten.

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Gesundheitsproblem

Als Hörsturz wird ein Hörverlust bezeichnet, der plötzlich und meist nur in einem Ohr auftritt, der von Schwindel, Ohrgeräuschen (Tinnitus) und Druckgefühl im Ohr begleitet sein kann, und der von leichter Schwerhörigkeit bis zur Taubheit reicht. Etwa drei von tausend Menschen in Deutschland sind jährlich davon betroffen. Bislang ist nicht bekannt, was einen Hörsturz auslöst und was dabei im Ohr vorgeht, auch wenn es viele Vermutungen und Spekulationen gibt, so werden beispielsweise Durchblutungsstörungen in den Gefäßen im Ohr als mögliche Ursache diskutiert. Da es neben dem Hörsturz noch andere Formen der akuten Innenohrschwerhörigkeit gibt, geht die Diagnose des Hörsturzes mit einer Abgrenzung zu den anderen Formen einher.

Da der Hörsturz die Lebensqualität eines Patienten erheblich einschränkt, hält die S1-Leitlinie „Hörsturz“ der „Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie“ einen Behandlungsversuch grundsätzlich für gerechtfertigt. Allerdings ist eine zielgerichtete Therapie, die an den Ursachen des Hörsturzes ansetzt, nicht möglich, da man die Ursachen nicht kennt. Für eine Therapie diskutiert die Leitlinie zwei Arten von Medikamenten: solche, die die Fließeigenschaften des Blutes verbessern (Rheologika) und Glukokortikoide. Andere Behandlungsformen werden in der Leitlinie nicht genannt. Studien deuten an, dass bei der Mehrzahl der Patienten ein Hörsturz auch unbehandelt wieder heilt. Wenn ein HNO-Arzt behauptet, dass ein Patient, der einen Hörsturz in den ersten acht bis zwölf Wochen nicht behandeln lässt, unweigerlich in der Folge auf ein Hörgerät angewiesen sein wird, sollte dies demnach kritisch hinterfragt werden.

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Methode

Die normale Luft besteht zu 78 Prozent aus Stickstoff, zu 21 Prozent aus Sauerstoff und zu 1 Prozent aus anderen Gasen. Der Mensch nimmt den Sauerstoff über die Lungen auf, wo er ins Blut übertritt, dort an das Hämoglobin in den roten Blutkörperchen bindet, über die Blutgefäße in die verschiedenen Gewebe transportiert wird, und dort von den Blutkörperchen in die Gewebezellen übertritt.

Das Verfahren der Hyperbaren Sauerstofftherapie geht von der Vorstellung aus, dass dem Körper Sauerstoff fehlt oder ihm zumindest eine höhere Dosis Sauerstoff gut täte. Damit sollen sich eine Vielzahl von Krankheiten und Verletzungen behandeln lassen, von Innenohr-, Blasen-, und Knochenerkrankungen bis hin zu chronischen Wunden und Sportverletzungen. Eine höhere Sauerstoffkonzentration im Blut wird auf zwei Arten erreicht: Zum einen atmet der Patient während der Therapie reinen Sauerstoff ein, zum anderen sitzt er in einer Kammer, in der ein Überdruck wie in rund 15 Meter tiefem Wasser herrscht. Dadurch ist der Sauerstoffdruck während der Therapie, die pro Sitzung in der Regel zwischen 40 und 90 Minuten dauert, etwa zwanzigmal so hoch wie unter Normalbedingungen. Um Lungenschäden durch den Überdruck zu vermeiden, wird vor der Behandlung eine eingehende Untersuchung sowie eine Röntgenaufnahme der Lunge gefordert.

Die Hyperbare Sauerstofftherapie wurde bereits mehrere Male im G-BA beraten. Dabei sollte geklärt werden, ob die Belege für einen Nutzen ausreichend sind, um die Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen zu rechtfertigen. In seiner „Richtlinie Methoden vertragsärztliche Versorgung“ (in Kraft getreten am 22.12.2011) führt der G-BA die Hyperbare Sauerstofftherapie als Methode auf, „die nicht als vertragsärztliche Leistung zu Lasten der Krankenkassen erbracht werden darf“.

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Empfehlungen anderer

Es wurde keine Leitlinie gefunden, die auf eine Hörsturzbehandlung mit Hyperbarer Sauerstofftherapie eingeht.

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Bewertung

Wirkung

Die hyperbare Sauerstofftherapie soll über erhöhte Sauerstoffkonzentrationen im Blut die Sauerstoffversorgung der Sinneszellen im Ohr verbessern und damit einen Hörsturz heilen. Unklar ist jedoch, ob ein Hörsturz tatsächlich durch Sauerstoffmangel verursacht wird.

Nutzen

Die hyperbare Sauerstofftherapie wäre nützlich, wenn sie den Hörsturz heilen, seine Heilung beschleunigen, oder zumindest den Hörverlust lindern und andere Beschwerden vermindern könnte.

Wir fanden 9 Übersichtsarbeiten, die insgesamt 8 prinzipiell aussagekräftige Studien auswerten sowie eine weitere, aktuelle Studie. 8 der Studien vergleichen die hyperbare Sauerstofftherapie mit anderen meist pharmakologischen Therapien, 1 Studie mit Nichtstun. Die tatsächliche Aussagekraft aller Studien ist aus verschiedenen Gründen mangelhaft. Außerdem sind die Ergebnisse der 8 Studien, die einen Vergleich mit anderen Therapien anstellen, wenig aussagekräftig weil auch der Nutzen der Vergleichstherapien nicht belegt ist. In der einen Studie, in der die Kontrollprobanden gar nicht behandelt wurden, zeigte sich die hyperbare Sauerstofftherapie nicht überlegen, was insofern bemerkenswert ist, als in solchen Versuchsanordnungen üblicherweise ein so genannter Placebo-Effekt messbar ist.

Wir sehen deshalb keine Hinweise auf einen Nutzen.

Schaden

Die hyperbare Sauerstofftherapie beim Hörsturz wäre schädlich, wenn sie Nebenwirkungen hätte oder die Lebensqualität der Patienten beeinträchtigen würde.

Bevor eine solche Therapie begonnen wird, soll unter anderem ein Röntgenbild der Lunge angefertigt werden, was eine Strahlenbelastung mit sich bringt.

Eine systematische Erfassung möglicher Schäden der Therapie wurde nicht gefunden. Wenige Patienten berichten über unangenehme Ereignisse wie Trommelfellschäden, vorübergehende Verschlechterung der Sehschärfe (z.B. bei Kurzsichtigkeit) und Raumangst (Klaustrophobie).

Ingesamt sehen wir keine Belege, aber zumindest Hinweise auf geringe Schäden.

Fazit

Wir bewerten die hyperbare Sauerstofftherapie beim Hörsturz als „tendenziell negativ“: Ein Wirkmechanismus ist spekulativ, da die Ursachen des Hörsturzes unklar sind. Die Studienlage ist unbefriedigend und lässt keine Hinweise auf einen Nutzen erkennen. Geringe Schäden sind durch vorübergehende Beeinträchtigungen nach der Therapie gegeben. Die Schäden sind selten und nur anekdotisch überliefert, weshalb wir nur Hinweise auf einen Schaden erkennen.

Auch wenn Kosten normalerweise nicht in unsere Bewertung einfließen, möchten wir in diesem Fall darauf hinweisen, dass die Kosten für eine Gesamtbehandlung 2000 Euro übersteigen können.

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Erstellt am: 07.03.2012
Letzte Aktualisierung:

Bild: Toms93/Thinkstock

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Hyperbare Sauerstofftherapie beim Hörsturz

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Allgemeine Informationen zu dieser IGeL

  • Wer plötzlich schlecht hört, kann einen Hörsturz haben. Die Ursachen sind unbekannt. Meist hört man von alleine wieder besser.
  • Mit dem Einatmen von reinem Sauerstoff in einer Druckkammer sollen diverse Krankheiten und Verletzungen geheilt werden.
  • Kosten: 10 bis 15 Sitzungen zu jeweils etwa 200 bis 250 Euro.
  • Das bezahlen die Krankenkassen (GKV): Diagnose des Hörsturzes, aber keine Therapie.

Was sagt der IGeL-Monitor über den Nutzen?

  • Die erhöhte Sauerstoffkonzentration im Blut soll die Versorgung der Zellen im Ohr verbessern und damit den Hörsturz heilen.
  • Diese Wirkung ist spekulativ. Wenig aussagekräftige Studien zeigen nicht, dass die Therapie Nichtstun überlegen ist.
  • Wir sehen deshalb keine Hinweise auf einen Nutzen.

Was sagt der IGeL-Monitor über den Schaden?

  • Direkte Schäden sind nicht gut untersucht. Studienteilnehmer berichten von Trommelfellschäden, Raumangst und Sehverschlechterungen.
  • Wir sehen deshalb Hinweise auf einen geringen Schaden.

Was meint der IGeL-Monitor?

  • Unsere Bewertung lautet „tendenziell negativ“, da wir keine Hinweise auf einen Nutzen erkennen, aber geringe Schäden möglich sind.
  • Der Gemeinsame Bundesausschuss hat die hyperbare Sauerstofftherapie 2011 als Kassenleistung ausgeschlossen.

Woher weiß der IGeL-Monitor das?

  • Analyse der internationalen Forschungsergebnisse durch das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors.
  • Wichtigste Quelle: Übersichtsarbeit (Bennet et al., 2007).
  • Detaillierte Informationen zur Analyse unter www.igel-monitor.de.

Was ist der IGeL-Monitor?

  • Der IGeL-Monitor analysiert Nutzen und Schaden von IGeL (auch „Selbstzahlerleistungen“), damit Versicherte sich informieren können.
  • Träger: MDS (Medizinischer Dienst des GKV-Spitzenverbandes)

Erstellt am: 07.03.2012
Letzte Aktualisierung:

Bild: Toms93/Thinkstock

positiv: Unserer Ansicht nach wiegt der Nutzen der IGeL deutlich schwerer als ihr Schaden

tendenziell positiv: Unserer Ansicht nach wiegt der Nutzen der IGeL geringfügig schwerer als ihr Schaden

unklar: Unserer Ansicht nach sind Nutzen und Schaden der IGeL ausgewogen, oder wir finden keine ausreichenden Daten, um Nutzen und Schaden zu beurteilen

tendenziell negativ: Unserer Ansicht nach wiegt der Schaden der IGeL geringfügig schwerer als ihr Nutzen

negativ: Unserer Ansicht nach wiegt der Schaden der IGeL deutlich schwerer als ihr Nutzen

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